Ein Land, so geheimnisvoll, wie wir es hier in Europa nur aus Geschichten oder Märchen kennen. Ein Land, dessen Bevölkerung ebenso vielfältig und fassettenreich ist, wie seine Kultur. Ein Land, dessen Kontraste vergleichbar sind mit schwarz und weiß, mit Himmel und Hölle. Ein Land voller Geheimnisse, voller Düfte, voller Stimmen, ein Land wie aus Tausendundeiner Nacht.
In Marokko scheint die Zeit stehen geblieben zu sein.
Man hat das Gefühl alles funktioniert hier noch wie vor 100 Jahren. Die Wahrsager und Geschichtenerzähler auf den berühmten Märkten Marrakeschs, den Souks, finden Tag für Tag ihr treues Publikum, die Akrobaten werden umringt von interessierten Besuchern. Die traditionellen Klänge der Musiker, die vielen Düfte der Gewürze ergeben zusammen mit den Bergen von Orangen, die an den Saftständen verkauft werden, eine spezielle Mischung. Es ist diese Mischung, die in den Besuchern des Souks einen bleibenden Eindruck hinterlassen, von dem man noch Tage lang gefesselt bleibt. Genau wie diese unvergesslichen Eindrücke gehören aber auch feilschende Händler zum Bild der Märkte in Marrakesch. Denn wer nicht von ihnen über den berühmten Teppich beziehungsweise Tisch gezogen werden will, muss um jeden Dirham feilschen.
Ebenso zu Marrakesch gehören die bettelarmen, in Tücher verhüllten und mit Kapuzenmänteln bekleidete Menschen, die abgemagerten Esel am Straßenrand, Fahrradfahrer, die zum Bremsen nur ihre Sandalen haben. Vor allem aber ein Verkehr, der durch das Fehlen von Regeln einem im Taxi sitzenden Europäer, wie mir, das Blut in den Adern gefrieren lässt. Auf der anderen Seite ist Marrakesch eine Stadt, gespickt mit majestätischen Tempeln, steinreichen arabischen Hoteliers und Hunderten von Hotelanlagen mit riesigen Pools, die in der Zukunft Touristen anlocken sollen.
Die Zeit, stehen geblieben? In Marrakesch sicher nicht!
Dass die Zeit doch nicht in allen Teilen Marokkos stehen geblieben ist, zeigt sich an der großen Ehre, die Marokko und auch Marrakesch zu Teil wird, in dem sie als erstes afrikanisches Land den Zuspruch für die Austragung einer Veranstaltung der IAAF erhielten. Die Tatsache, dass Marrakesch der einzige Bewerber war, interessiert im nachhinein niemanden mehr. Nur eines zählt: die weltbesten U-18 Leichtathleten werden sich zum ersten mal auf dem heißesten Kontinenten der Erde zu den Welttitelkämpfen treffen.
Während den Tagen der Weltmeisterschaften machte Marrakesch seinem Ruf alle Ehre und beeindruckte uns mit einer unfassbaren Gelassenheit was Pünktlichkeit betrifft, mit einer Art arabischem Französisch, mit traumhaften Hotelanlagen und mit ungewöhnlich heißen Temperaturen.
Doch bevor es in Marrakesch heiß her ging, musste ich mich erst noch für das deutsche Nationalteam mit entsprechenden Leistungen empfehlen. Dies gelang mir, zu meiner eigenen Überraschung, bereits beim zweiten Meeting, der damals noch jungen Saison. So brachte ich mit einer Höhe von 1,80 m nicht nur meine Konkurrenten zum Staunen. Diese 180 cm bedeuten vielleicht nicht die absolute Weltspitze, aber sie brachten mich in den begehrten Pool der Kandidaten für die WM. Plötzlich war ich nicht mehr irgendeine Hochspringerin aus der Provinz, ich hatte mir bei diesem Meeting einen Namen in der deutschen Hochsprungszene verschaffen können. Das Ticket nach Marrakesch, konnte trotz dem Überspringen der Quali, noch nicht gebucht werden. Sicherheitshalber wurde der Antrag auf einen Reisepass aber schon einmal getätigt. Schließlich war dieser Traum jetzt nicht mehr so utopisch, wie noch vor der Saison die Mehrheit glaubte.
Bis zur letzten Möglichkeit bei der Juniorengala in Mannheim, die geforderte Leistung zu erfüllen, stand ich immer noch an der Spitze der deutschen U-18 Bestenliste. Anders als meine Konkurrenz brauchte ich „nur“ noch eine Höhe von 1,78m um definitiv dabei zu sein, denn ich hatte die offizielle Norm bereits überboten. Glück im Unglück – das war das Motto von Mannheim. Eine Krankheit hatte mich eine Woche vor der Juniorengala gezwungen die Entscheidung dem Schicksal zu überlassen, und dieses meinte es gut mit mir. Auch nach Ablauf der Qualifikationsperiode war ich also die einzige deutsche U-18 Hochspringerin, die den Wert des DLV, der übrigens 7cm über dem der IAAF lag, erreicht hatte. Nachdem ich den Bundestrainer in Schweinfurt von meiner Form überzeugen konnte, war der Weg in die internationale Leichtathletik für mich geebnet.
Zusammen mit 29 anderen jungen Athleten durfte ich die Farben Deutschlands in Marrakesch vertreten.
Den letzten Schliff holten wir uns gemeinsam mit den Bundestrainern im Leistungssport – Zentrum in Kienbaum, nahe Berlin. Dort, wo sich auch schon die ganz Großen des Deutschen Sports auf internationale Großanlässe vorbereitet hatten, wurden wir mit Videos, Informationsgesprächen und der Ausrüstung des neuen Sponsors auf die bevorstehende Aufgabe eingestimmt.
Via Madrid und über einige Breitengrade hinweg brachte uns die freundliche Crew von Iberia Air sicher zum Flughafen Marrakeschs, wo ich dann zum ersten mal den heißen afrikanischen Boden unter meinen Füßen spürte. Ähnlich wie auch schon der Flughafen, war unser 4 Sterne Hotel von großen Palmen gesäumt und im typischen arabischen Stil ausgebaut. Hinzu kam eine Poolanlage, die sich kaum luxuriöser und exotischer hätte präsentieren können.
Jeder von uns machte in diesen Tagen von Marrakesch wohl einige denkwürdige Bekanntschaften mit Sportlern aus der ganzen Welt. Die internationale Atmosphäre in den Hotels und in den Shuttlebussen war neu, aber sehr interessant für mich zu erleben. Beeindruckt hat mich vor allem die unglaubliche Stimmung und Präsenz der Zuschauer während den Wettkämpfen im Stadion. Das Gefühl beim Einlaufen zur Qualifikation war unbeschreiblich, denn schon auf dem Aufwärmgelände wurde man von den begeisternden marokkanischen Fans gefeiert. Tatsächlich wurde dieses Qualifikationsspringen für mich zu einem Wettkampf, wie ich es mir nur hätte wünschen können. Ohne die geringste Unsicherheit preiszugeben, gelang es mir mein Minimalziel zu erreichen und in das Finale der besten Hochspringerinnen einzuziehen. Aber nicht nur die blitzsauberen Sprünge über alle geforderten Höhen, sondern auch die internationale Konkurrenz und nicht zuletzt das mitreißende Publikum sorgten dafür, dass ich während des gesamten Wettkampfes nie vergaß, dass ich mich gerade mitten im WM-Wettkampf befand.
Die Zeit vor dem Finale war eine tolle Zeit: immer noch glücklich über die geschaffte Qualifikation, machte ich mir Gedanken über die Stärke meiner Gegnerinnen, die mögliche Anfangshöhe, . . . aber vor allem versuchte ich im Hotelzimmer Kraft zu sparen und die brennende Hitze der Sonne zu vermeiden. Bei all den lieben Glückwünschen aus der fernen Heimat ist mir dies nicht besonders schwer gefallen.
Aber dann war es soweit und es gab kein Zurück, was ich aber auch nicht wollte. Von jetzt an konnte die Zeit nicht schnell genug vergehen. Mit jeder Minute stieg meine Nervosität und ich versuchte mich an die geschriebenen Worte meines Trainers zu erinnern: „ Heute ist dein großer Tag, ein Tag zum genießen! Genieße den Anlass, den Wettkampf, die Atmosphäre, genieße die Aufmerksamkeit, den Mittelpunkt, auch den Druck, genieße das Adrenalin, das Präsentieren, die Nervosität und genieße den Erfolg, denn der ist dir so oder so gewiss, genieße diesen realen Traum!“ Und das tat ich. Ich genoss alles, die Fahrt zum Stadion, das Gespräch mit dem Bundestrainer, das Warten am deutschen Zelt, bishin zum Einlaufen. Ab da begann dann die Konzentrationsphase, der Ablauf war gleich wie in der Quali, wie bei jedem anderen Meeting: dieselben Dehnübungen, dieselbe Laufarbeit, ... . Aber es war halt doch anders. Die Nervosität war höher als sonst, der Adrenalinpegel wollte nicht aufhören zu steigen, aber ich versuchte weiterhin den Rat meines Trainers zu befolgen und alles zu genießen. Doch schon beim Einspringen war es damit vorbei. Der Anlauf, der in der Quali noch bombenfest saß, wollte nun einfach nicht mehr passen. Meine Beine fühlten sich nicht frisch, sondern träge und müde an. Auch die Bogenspannung über der Latte fiel mir plötzlich schwerer als sonst. Dieses Gefühl zog sich durch den ganzen Wettkampf und lies es mir schwer fallen, meine bis hierher wichtigsten Sprünge mit Spaß zu absolvieren. Eine, im nachhinein vielleicht logische Folge, war der Fehlversuch bei 1,65m, mit dem ich das Weltmeisterschaftsfinale eröffnete. Die Zeit verging und plötzlich stand noch ein einziger, letzter Versuch über die Anfangshöhe aus. Sollte hier etwa schon alles vorbei sein? Nein, mit einem Sicherheitssprung konnte ich mich weiter im Wettkampf halten und ein viel zu frühes Ende noch abwenden. Ich konnte aber nicht verhindern, dass sich ein ungutes Gefühl in meiner Magengegend verbreitete. Als die verhüllten Kampfrichterinnen den Messstab in die Hand nahmen, begann ich mich auf die nächste Höhe vorzubereiten. 1,70 im ersten Versuch bedeuteten schließlich einen bescheidenen 11. Platz. Denn an diesem Tag stellten die 1,74m eine Höhe dar, die ich nicht zu bezwingen im Stande war. Anders gesagt: Ich war raus. 1,74 m... Das sind sechs Zentimeter unter meiner Bestleistung, vier Zentimeter unter meiner Körpergröße, einige Zentimeter unter dem, was ich erreichen wollte. Aber so das im Hochsprung, einer Disziplin, die an Sensibilität bezüglich der Tagesform kaum überboten werden kann, heute Top... morgen Flop.
Ich muss zugeben es ist mir anfangs schwergefallen, zu realisieren was da gerade mit mir passiert ist. Mir schossen viele Gedanken durch den Kopf, als ich den Wettkampf im Infield weiterverfolgte. „Warum ausgerechnet heute?“, „Was habe ich anders gemacht als sonst?“, . . . Trotz dieser Gedanken, verfolgte ich das Finale dicht am Geschehen, um möglichst wertvolle Erfahrungen mitzunehmen.
In den Stunden, die ich noch im Stadion verbrachte, aber auch an den gesamten folgenden Tagen, suchte ich nach Gründen für dieses Ergebnis. Sicherlich haben Alle Recht, wenn sie behaupten, dass ein 11. Platz auf der Welt eine unglaubliche Leistung ist, aber ich als Athlet, kann dieses Ergebnis besser einschätzen und weis, dass ich mich an diesem Tag weit unter Wert verkauft habe.
Trotzdem konnte ich die letzten Tage in Marrakesch noch im Pool, gemeinsam mit allen anderen Athleten, genießen. Auch die zwei Abschlusstage, die wir zum Teil im Hohen Atlas Gebirge verbracht hatten oder auf dem Souks, waren eine unvergessliche Erfahrung.
Wahrscheinlich ist es mir gelungen mit der Teilnahme an den Weltmeisterschaften einige Menschen aus meinem Umfeld zu überraschen. Wer hat schon ganz ehrlich daran geglaubt, dass ich, Stefanie Herrmann von der LG-Hohenfels, es schaffen werde an Weltmeisterschaften teilzunehmen, geschweige denn ins Finale zu kommen? Ich bin mir sicher, dass die Mehrheit dieses Ziel für unerreichbar und für viel zu hoch gegriffen hielten, auch ich war erstaunt als meine Trainer die U-18 WM als das Traumziel für die Saison 2005 nannten. Ich hoffe, ich habe dieser Mehrheit beweisen können, dass es sich lohnt nicht voreilig zu urteilen, denn es kommt eh meistens anders als man es erwartet!
Erlebnisbericht von Stefanie Herrmann von den U18-WM in Marrakesch